Die kovalente Bindung
Die chemische Bindung, die der Kohlenstoff eingeht,
um organische Verbindungen zu bilden, wird als
'Kovalenzbindung' bezeichnet. Man spricht von
einer kovalenten Bindung, wenn sich zwei Atome
ihre Elektronen 'teilen', d.h. gegenseitig zur
Verfügung stellen.
Die Elektronen eines Atoms bewegen sich auf bestimmten
Umlaufbahnen, die konzentrisch um den Kern gelagert
sind. Die dem Kern am nächsten liegende Elektronenbahn
kann nur zwei Elektronen unterbringen. Die folgende
Elektronenbahn kann 8 Elektronen aufnehmen und
auf der dritten Bahn können bis zu 18 Elektronen
kreisen. Die Anzahl der Elektronen wächst weiter
mit der Zufügung weiterer Umlaufbahnen. Ein interessanter
Aspekt dieser Anordnung ist, dass die Atome 'bestrebt
sind', die Anzahl der Elektronen in ihren Umlaufbahnen
zu vervollständigen. Der Sauerstoff z.B., hat
6 Elektronen in seiner zweiten, d.h. äußersten
Elektronenbahn. Das macht ihn 'geneigt', Verbindungen
mit anderen Atomen einzugehen, die ihm die zwei
Elektronen zur Verfügung stellen, die nötig sind,
um die Anzahl auf 8 - das volle Potential der
zweiten Bahn - zu erhöhen.
Warum Atome diese Tendenz haben, ist eine Frage
die bisher nicht beantwortet werden konnte, doch
es ist gewiss von Vorteil, dass diese Tendenz
besteht, denn wenn sich die Atome nicht dermaßen
verhalten würden, wäre das Leben nicht möglich.
| Die chemische Struktur
des Methangases: Vier Wasserstoffatome
sind durch kovalente Bindungen an das
Kohlenstoffatom in der Mitte gebunden.
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Kovalente Bindungen entstehen aufgrund dieser
Tendenz der Atome, ihre Elektronenbahnen voll
zu besetzen. Zwei oder mehrere Atome können diese
Mängel in ihren Elektronenbahnen oft beheben,
indem sie sich ihre Elektronen gegenseitig zur
gemeinsamen Verfügung stellen. Ein gutes Beispiel
dafür ist das Wassermolekül (H2O),
dessen Bausteine - zwei Wasserstoffatome und ein
Sauerstoffatom - eine kovalente Bindung eingehen.
In dieser Verbindung ergänzt der Sauerstoff seine
zweite Elektronen-bahn auf 8 indem er je ein Elektron
der beiden Wasserstoffatome mitverwendet, wobei
sich gleichzeitig die beiden Wasserstoffatome
je ein Elektron vom Sauerstoff 'ausleihen', um
ihrerseits ihre jeweilige Elektronenbahn auf zwei
zu ergänzen.
Der Kohlenstoff zeigt eine starke Tendenz, kovalente
Bindungen mit anderen Atomen (einschließlich weiteren
Kohlenstoffatomen) einzugehen, wovon eine enorme
Anzahl verschiedener Stoffe entstehen kann. Eine
der einfachsten dieser Substanzen ist Methan,
ein gewöhnliches Gas, das durch eine kovalente
Bindung von vier Wasserstoffatomen an ein Kohlenstoffatom
gebildet wird. Da der Kohlenstoff nur insgesamt
6 Elektronen - 2 auf der inneren und 4 auf der
äußeren Bahn - hat, bindet er vier Wasserstoffatome
anstatt von zweien, wie im Fall des Sauerstoffs.
Wie bereits erwähnt legt der Kohlenstoff eine
besondere Vielfalt hinsichtlich der Bildung von
Verbindungen mit anderen Elementen an den Tag,
und diese Vielfalt ermöglicht die Erzeugung einer
beträchtliche Anzahl von Substanzen. Die Kategorie
der Verbindungen des Kohlenstoffs ausschließlich
mit Wasserstoff werden die 'Kohlenwasserstoffe'
genannt. Diese bilden eine große Familie von organischen
Verbindungen, der, Erdgas, flüssiges Petroleum,
Kerosin und Schmieröle angehören. Kohlenwasserstoffe,
wie Ethylen und Propylen sind die Grundfesten,
auf denen sich die gesamte petrochemische Industrie
aufbaut. Kohlenwasserstoffe, wie Benzol, Toluol
und Terpentin sind jedem, der mit Farben zu tun
hat, geläufig. Naphthalin, das wir in Form von
Mottenkugeln in unseren Schränken als Schutz für
unsere Kleidung aufbewahren, ist ebenfalls ein
Kohlenwasserstoff. In Verbindungen mit Chlor werden
einige Kohlenwasserstoffe als Betäubungsmittel
verwendet, und mit dem Zusatz von Fluor erhält
man Freon, ein Gas, das in der Kühlungsindustrie
Verwendung findet.
Eine andere wichtige Klasse von Verbindungen
ist die, in der der Kohlenstoff kovalente Bindungen
mit Wasserstoff und Sauerstoff eingeht. In dieser
Familie finden wir unter sehr vielen anderen Substanzen
die Alkohole, wie Ethanol und Propanol, Ketone,
Aldehyde und Fettsäuren. Eine weitere Gruppe von
Verbindungen des Kohlenstoffs mit Wasserstoff
und Sauerstoff sind die Verschiedenen Formen des
Zuckers, einschließlich Glukose und Fruktose.
Die Zellulose, die sozusagen das Skelett des
Holzes ausmacht und das Rohmaterial für das Papier
liefert, ist ein weiterer Kohlenwasserstoff, ebenso
wie der Essig, das Bienenwachs und die Ameisensäure.
Fast jedes Exemplar dieses unglaublich üppigen
Sortiments von Stoffen und Materialien, die natürlich
in unserer Welt vorkommen, ist 'nichts weiter'
als eine jeweils andere Anordnungsvariante von
kovalenten Bindungen zwischen Kohlenstoff, Wasserstoff
und Sauerstoff.
Wenn Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und
Stickstoff solche Bindungen eingehen, bilden sie
Moleküle einer Kategorie, die die Grundlage und
chemische Struktur des Lebens selbst darstellt:
die Aminosäuren, aus denen die Proteine aufgebaut
sind. Die Nukleotiden, aus denen sich die DNS
zusammensetzt, sind ebenfalls Moleküle, die aus
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff
gebildet werden.
Kurz gesagt, die kovalenten Bindungen, die der
Kohlenstoff eingehen kann, bilden einen Großteil
der Grundlage für die Existenz des Lebens. Wenn
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff
nicht so 'bestrebt' wären, sich ihre Elektronen
zur gemeinsamen Verwendung gegenseitig zur Verfügung
zu stellen, wäre das Leben tatsächlich nicht möglich.
Was es dem Kohlenstoff ermöglicht, solche Bindungen
einzugehen, ist eine Eigenschaft, die die Chemiker
als 'Metastabilität' bezeichnen, was wörtlich
'Umformungsbeständigkeit' bedeutet. Der Biochemiker
J.B.S. Haldane beschreibt diese Eigenschaft folgendermaßen:
Ein metastabiles Molekül ist ein solches, das
durch eine Umwandlung verfügbare Energie freisetzen
kann, doch genügend stabil ist um auf die Dauer
fortzubestehen, es sei denn, dass es durch Wärme,
Bestrahlung oder in Verbindung mit einem Katalysator
erregt wird. 1
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WASSER
und METHAN:
ZWEI VERSCHIEDENE BEISPIELE VON
KOVALENTEN BINDUNGEN
In dem obig abgebildeten
Wassermolekül besteht eine kovalente
Bindung zwischen den beiden Wasserstoffatomen
und dem einen Sauerstoffatom. In dem
unten abgebildeten Methanmolekül bilden
vier Wasserstoffatome kovalente Bindungen
mit einem einzigen Kohlenstoffatom.
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Was diese etwas technische Definition aussagt,
ist, dass der Kohlenstoff eine ziemlich einzigartige
Struktur hat, die es ihm unter normalen Bedingungen
sehr leicht macht, kovalente Bindungen einzugehen.
Doch hier begegnen wir einer sehr interessanten
Situation, denn der Kohlenstoff ist nur innerhalb
einer sehr begrenzten Temperaturspanne 'metastabil'.
Insbesonders Kohlenstoffverbindungen werden äußerst
unbeständig, wenn die Temperatur über 100°C ansteigt.
Diese Tatsache begegnet uns ständig in unserem
alltäglichen Leben, so dass wir sie als ganz normal
erachten. Wenn wir z.B. Fleisch braten, verändern
wir im Grunde genommen nur die Struktur seiner
Kohlenstoffverbindungen. Doch hier sollte man
einen sehr wichtigen Punkt beachten; das gebratene
Fleisch ist vollständig 'tot', d.h. sein chemischer
Aufbau unterschiedet von dem, was er ursprünglich
war, als es Teil eines lebenden Organismen war.
In der Tat werden die meisten Kohlenstoffverbindungen
bei Temperaturen über 100°C 'denaturalisiert'.
Der Großteil aller Vitamine, z.B. zerfällt bei
dieser Temperatur, Zucker unterliegt ebenfalls
strukturellen Änderungen und verliert einen Teil
seines Nährwerts, und um 150°C beginnen Kohlenstoffverbindungen
zu brennen.
In anderen Worten, falls die Kohlenstoffatome
kovalente Bindungen mit anderen Atomen bilden
sollen, und die resultierenden Verbindungen beständig
sein sollen, darf die vorherrschende Temperatur
höchstens 100°C betragen. Die untere Grenze dagegen
ist etwa 0°C. In Temperaturen, die beträchtlich
darunter liegen ist organische Biochemie unmöglich.
Im Fall anderer Verbindungen herrscht grundsätzlich
eine andere Situation vor. Die meisten anorganischen
Verbindungen sind nicht metastabil, und ihre Beständigkeit
ist von Temperaturveränderungen nicht in bedeutender
Weise beeinflußt. Man kann das leicht beobachten,
wenn man ein Stück Fleisch aufspießt und über
das Feuer hält. Je länger man das Fleisch braten
lässt, desto brauner wird es bis es ganz verkohlt
und schließlich Feuer fängt, lange bevor irgend
etwas mit dem metallenem Spieß geschieht. Das
gleiche würde geschehen, wenn anstelle des Metalls
Glas oder Stein verwendet würden. Man müsste die
Temperatur um viele hundert Grade erhöhen bevor
sich die Struktur dieser Materialien zu verändern
begänne.
Sie mögen nun bereits die Ähnlichkeit zwischen
der Temperatur-spanne bemerkt haben, innerhalb
der der Kohlenstoff beständige kovalente Bindungen
bilden kann, und den, auf unserem Planeten vorherrschenden
Temperaturbedingungen. Wie bereits an anderer
Stelle erwähnt, variieren die Temperaturen im
Weltall zwischen Millionen von Graden im Zentrum
der Sterne und dem absoluten Gefrierpunkt (-273.15°C),
doch die Erde, die als Lebensraum für den Menschen
geschaffen wurde, besitzt ein Klima, das genau
dieser schmalen Temperaturspanne entspricht, innerhalb
der die Bildung von Kohlenstoffverbindungen erfolgen
kann, welche ihrerseits die Grundbausteine des
Lebens darstellen.
Diese interessanten 'Zufälle' sind hier jedoch
noch nicht zuende. Die genau gleiche Temperaturspanne
ist es, in der das Wasser in flüssigem Zustand
ist. Wie im vorhergehenden Kapitel erörtert, ist
flüssiges Wasser, eines der Grunderfordernisse
des Lebens, und um flüssig zu bleiben, benötigt
es genau die selben Temperaturen, welche auch
die Kohlenstoffver-bindungen zu ihrer Entstehung
und Erhaltung brauchen. Es gibt kein Naturgesetz,
das diese Übereinstimmung erfordern würde, und
somit kann sie nur ein Hinweis darauf sein, dass
die physikalischen Eigenschaften des Wassers und
des Kohlenstoffs und die klimatischen Bedingungen
der Erde in einander angepaßter Harmonie erschaffen
wurden.
| ANMERKUNGEN |
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| 1
J. B. S. Haldane, "The Origin of
Life", New Biology, 1954, Bd. 16,
S. 12
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